2016

Einführungsrede zur Ausstellung Hannes Steinert – Zeitvergleich in der Galerie Merkle am 18. März 2016

 

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Ausstellungsansicht

„Ich möchte mit dem Begriff „Zeitvergleich“ starten, es ist eigentlich ein Begriff aus der Physik, so steht beispielsweise bei Wikipedia: ein Zeitvergleich ist der „Vergleich einer Uhr mit einem Zeitzeichen (Funksignal) eines genaueren Zeitsystems oder auch der Vergleich zweier Uhren miteinander.“ Das hat mich sofort gefesselt, denn, wenn wir jetzt die Begriffe austauschen und setzten anstelle Uhr Kunstwerk ein, bekommen wir folgende Erklärung: ‚der Vergleich eines Kunstwerks mit einem Zeitzeichen eines genaueren Zeitsystems oder auch der Vergleich zweier Kunstwerke miteinander.’ Die Methodik des Zeitvergleichs, die ‚Auge-Ohr Methode ist ebenso in der bildenden Kunst anzutreffen, wobei das Visuelle hier für unsere Ausstellung der wichtigere Part ist.

Und genau das ist es, was unsere Augen in dieser Zeitvergleich – Ausstellung sehen können. Kunstwerke aus drei Dekaden werden gegenüber gestellt, sie sind Zeugen von ‚Zeitzeichen’ oder des ‚Zeitsystems’. So sehen wir Werke aus den 80er Jahren, den Anfängen Hannes Steinerts, gegenübergestellt mit Werken aus den folgenden Dekaden. Einflüsse und Elemente aus seinen Reisen, und vielen Begegnungen sind ebenso zu sehen wie Inspirationen aus der Kunstgeschichte – in eine neue Zeit geführt. Es sind Hannes Steinerts Augen und Ohren, die die Umgebung rezipieren, wir sehen die objektive Welt durch Steinerts subjektiven Blick auf Leinwand gebannt.

(…)  So verbinden sich die Elemente der Abstraktion mit der Figuration und dem Gegenständlichen – mit der Linie als Protagonisten. Sie ist es, die die Werke verbindet, sei es in den Malereien, Zeichnungen oder auch in den Collagen, immer wieder ist die Linie im Mittelpunkt und Ausdrucksform seiner Geistigkeit. Die Linie, mal schwungvoll, poetisch, mal krakelig oder auch ganz reduziert gesetzt, lässt seine Werke vibrieren und klingen. Dieser Duktus ist in den frühen wie auch in den neueren Werken zu erkennen. Wie ein Komponist sein musikalisches Stück aufbaut, mit formalen Elementen wie Punkt und Kontrapunkt, Harmonie und Dysharmonie, so baut auch Hannes Steinert seine Werke auf, was sich im ersten Moment möglicherweise emotionslos und technisch anhört wie der mechanisch, strukturierte Aufbau einer Uhr, so ist es gerade dieser Formale Weg, der dem Bild seine ganze Ausdruckskraft verleiht. Hannes Steinert setzt diese Formalen Elemente jedoch so, das sie scheinbar zufällig gesetzt wirken. Die Linie führt den Betrachter durch das Bild, Farbe und Farbflächen sind Ausdruck der Stimmung und Emotionalität, die Schönheit der Dinge spiegelt sich nicht nur im Sujet wider sondern auch und gerade in der Form des Ausdrucks. So gibt es für ihn keine Regeln außer der Emotionalität, durch seine Augen und Ohren wahrgenommen, die ihn durch die verschiedenen Medien der Kunst führt und gerade in der Regellosigkeit eine konstante Entwicklung erkennen lässt.

(…)  Wichtig sind Fläche und Farbe. Die pastos aufgetragenen Farben vermischen sich und wachsen in den Raum hinein, man erkennt die Materialien mit denen er gearbeitet hat, Pinselstriche sind auch als solche zu erkennen, ebenso hat er mit dem anderen Ende des Pinsels oder einer Spachtel die Linie in die Farbe geritzt. Farbverläufe und Hintergrundfarben gehen nicht verloren, sondern sind ein wichtiger Bestandteil des Werkes und Teil des Ganzen.
In seinen Zeichnungen jedoch, ist die Perspektive meisterhaft angewendet. Wir blicken in die Stadtfluchten von New York die mit einer teils konstruktivistischen Linienführung verstärkt wird. Die Zeichnungen wirken reduziert mit einem formalen Fokus auf die Architektur und das Urbane, aber auch hier finden wir Linienverläufe, die Autonom und selbstbewusst sich dem urbanen entziehen und zu einem anderen, hinterfragenden Sinneseindruck auffordern.

(…)  (Auszug)   © Ines Ebertz