2015

Einführungen in Ausstellungen 2015

18. Juni 2015 Eröffnung der Ausstellung Sahneportraits im Bad Cannstatter Rathaus

04. Juli 2015 Eröffnung der Ausstellung im Rahmen des Cannstatter Kulturmenüs mit Matthias Beckmann und Uwe Seyl

17. September 2015 Eröffnung der Ausstellung Danielle Zimmermann – Happy End – im ETZ Stuttgart 

18. September 2015 Eröffnung der Ausstellung Markus Merkle – Unit in der Galerie Merkle, Stuttgart

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Markus Merkle, Crescendo, Eisen, 133 x 30 x 30 cm, 2015

„Eine Unit oder Einheit ist eine konkret feststehende Definition für Zeit und Raum. So holt sie z. B. die Zeit aus ihrer Abstraktion heraus und verleiht ihr eine konkrete Form.

Aneinandergereiht oder im Zusammenhang stehend bildet eine Unit mit anderen Units ein System der Konventionen‚ Normen, oder Grammatik. Ebenso können in einer Unit vieleEinheiten stecken, sichtbar oder unsichtbar. Einzelformen bleiben alleine stehen oder bilden zusammenhängend in der Wiederholung Einheiten, die formal ein neues Ganzes bilden. Erst durch Unterteilung entsteht eine Einheit. So tragen die Abgrenzungen erst dazu bei das Werk als ein Gesamtwerk zu betrachten.

Eine Unit als Einzelform – oder ein neues Ganzes – strukturiert und konkretisiert unsere Welt. Eine rationale Ordnung wird durch sie hergestellt und uns Bewusst gemacht. Und zur gleichen Zeit nimmt diese Logik metaphysische Ausmaße an. Sie ist ein universelles Konstrukt in der Mathematik, der Philosophie aber auch in der Architektur und der Kunst. Mit einer Kategorisierung der Dinge trennt die Unit zwischen Materialität und Immaterialität, Innen und Außen, sie setzt konkrete Grenzen.

Markus Merkle beschäftigt sich sehr stark mit der Architektur und dem Raum,- Formen denen wir tagtäglich begegnen, – konkrete Formen. Der Punkt steht hier am Anfang,- aus dem sich die Linie entwickelt, aus der Linie wiederum werden Einheiten und Abgrenzungen und es entsteht eine bestimmte Ordnungs-Kategorie. Oder wie schon erwähnt – eine rationale Ordnung.
Das Größenverhältnis der formalen Linien und Formen zueinander unterstützt die Ordnung.
Die besonders weiche und harmonische Wahrnehmung all seiner Werke basieren auf der Anatomie des Menschlichen Körpers. Luca Pacoli ein italienischer Mathematiker und Mönch aus dem 15. Jahrhundert gab zur Proportionslehre an, ’das sich vom menschlichen Körper alle Maße und ihre Beziehungen ableiten.’ Sicher jeder von uns kennt das berühmte Proportionschema der Menschlichen Gestalt nach Vitruv von Leonardo da Vinci.
Diese Ästhetik der Architektur ist in all seinen Werken präsent.

Auch der Betrachter steht in enger Beziehung zum Werk. Er stellt erst in einem Prozess die richtige Nähe und Distanz zum Werk her. Er bewegt sich auf das Werk zu oder von ihm weg.
Er bestimmt die Beziehung zwischen sich, dem Raum und dem Werk. Wenn diese Verbindung dem Betrachter bewusst wird, wird ein weiterer Denkprozess angeregt. Diese Denkeinheiten stehen genau wie das Werk in enger Verbindung mit dem Raum und der Zeit. Die Grenze zwischen Innen und Außen dem Materiellen und Immateriellen wird in diesemMoment aufgelöst.
So scheinen sich die Skulpturen von Merkle in Rhythmik, Tiefe und Farbe zu verändern wenn der Betrachter sich um diese Figuren herum bewegt. In Abhängigkeit des Standortes, ob im Garten, Wohnzimmer, Kanzlei oder Praxis, im unterschiedlichen Tageslicht, der unterschiedlichen Beleuchtung in Räumen geschuldet, und wiederum abhängig vom eigenen Standort im Raum und Blickwinkel- strahlen die einzelnen Units der Skulpturen plötzlich in einem dunklen Rot oder in einem fast tiefen Schwarz. Hier wird der Betrachter aufgefordert aktiv mit der Figur, der Zeit und dem Raum in Beziehung zu treten und Teil dessen zu werden.
Das Werk Minotaurus, gleich hinter mir hängend – hat einen figurativen Titel bekommen. Benannt nach einem Wesen aus der Mythologie – halb mit Stierkopf, halb mit menschlichem Körper. Auch das Werk ist wie ein Mischwesen.
Man erkennt auf den ersten Blick reine geometrische Formen: Linien, Rechtecke und Quadrate in unterschiedlicher Länge und Größe. Jedoch bei längerer Betrachtung öffnen sich die Abgrenzungen, und es entstehen neue geometrische Formen und Räume, die in eine Dreidimensionalität hineinwachsen und mit der Wand und dem Raum in enge Verbindung treten. Auch hier wird die Grenze zwischen Innen und Außen; dem Materiellen und Immateriellen; Mensch und Stier in diesem Moment aufgelöst.
Es entstehen neue Einheiten aus der einzelnen Unit heraus.
Die stark reduzierte Farbpalette unterstützt diesen Prozess.
Im Büro sind zwei kleinere Formate zu sehen die aber in ihrer Eindeutigkeit, Dynamik und Präsenz den großen in nichts nachstehen.

In den Papierarbeiten Unit -gleich hier an der Wand- findet ein ähnlicher Prozess statt. Die Komposition von vertikalen und horizontalen Linien mit unterschiedlich ausgeprägten Trennlinien erscheinen mit einer ungeheuren Lebendigkeit.
Die Linie, oder besser Trenn-Linie, wird mit dem von Markus Merkle ausgewählten Materialien in einen neuen Kontext gestellt. Hierbei ist es wohl wichtig zu erwähnen, dass die Trennlinien vom Material vorgegeben sind, – die man bei näherer Betrachtung als Todesanzeigen erkennen kann.
Durch die unterschiedlich und unregelmäßig bearbeiteten Trennlinien in Breite und Intensität entsteht eine neue Figur-Grund Beziehung. Einzelne Units treten in Kontakt zueinander, stoßen sich ab oder ziehen sich gegenseitig an. Auch hier hat man den Eindruck je nach Standpunkt und Blickwinkel, dass Tiefe und Dreidimensionalität entstehen, wiederum intensiviert durch die reduzierte Farbgebung.

Inspiriert von den Architekten des Bauhauses beschäftigt sich Merkle mit der Philosophie der Wirklichkeitsdarstellung. Die sich durch die reduzierte formale Sprache auf das Wesentliche – auf Zeit und Raum konzentrieren. Alle formalen Elemente – Flächen, Horizontale und vertikale Linien – befinden sich im Gleichgewicht und bilden erst wieder im Zusammenspiel eine neue ‚pure’ Grammatik.

Besonders zu erwähnen in dieser Ausstellung ist das Werk ‚FLW Cubit.`
Markus Merkle bekam 16 Kilo Betonmaterial von der Unity Temple Restauration Foundation zugesprochen. Der Unity Temple, der zur Zeit restauriert werden muss, wurde von Frank Lloyd Wright in Illinois, Chicago erbaut und 1909 eingeweiht. Es wurde als Meisterwerk des Modernen Designs gefeiert.
Mit dem „F.L.W. Cubit“ – der Elle-, greift Merkle ein Einheits-entwurfsverfahren auf, welches Frank Lloyd Wright in seiner Architektur anwandte und formt aus dem Beton des Unity Tempels seine “Elle“.
Auch hier treffen wir wieder auf menschliche Proportionen die trotz dem eigentlich harten Material – dem Werk Weichheit und Harmonie verleihen. In der Auflage „F.L.W. Cubit“ bedient sich Merkle an einer Form der äußeren Tempelsäulen des Unity Tempels. So wird der intensive Bezug zum Unity Tempel von Frank Lloyd Wright durch den neuen Kontext nicht unterbrochen, sondern bleibt durch Materialität, Form und Philosophie dennoch bestehen.
Die Fenster im vorderen Raum zu sehen, zeugen von Gleichförmigkeit und Harmonie, nicht nur nebeneinander gereiht sondern auch jedes in seiner Singularität betrachtet. Es scheint als hätte Merkle die Werke von Barnett Newman in eine Dreidimensionalität hinein getragen. Auch hier erkennen wir die schon vorhin genannten Proportionen, die dem Werk als einzelne Unit aber auch als aneinander Reihung mehrerer Units – und somit wiederum ein neues ganzes bildendes – , eine harmonische und ausdrucksstarke Präsenz verleiht.
Dieser Effekt ist außerdem sehr gut in seinen Zeichnungen zu erkennen. Der einzelne Punkt erst vervollständigt das gesamt Werk. Lässt es zu dem werden was es ist. Im gesamten betrachtet entsteht eine neue Dimension vor unseren Augen, eine neue Ordnung, die ohne die Einzelne Unit undenkbar wäre. Durch die reduzierte formale Sprache hat der Betrachter die Möglichkeit sich ganz auf den Raum und die Zeit zu konzentrieren.
Mit dieser Auflösung und neu-Ordnung des Raumes und der Zeit durch die Unit, mit dieser erweiterten Wahrnehmung wünsche ich uns jetzt einen schönen Abend.“

(Auszug) © Ines Ebertz